Groß sein, klein sein und alles dazwischen
Ein Blick, eine Haltung, ein Schritt nach vorn oder zurück. Mehr braucht es oft nicht, um Status sichtbar zu machen. Annette hat einen Abend lang mit uns daran gearbeitet. Nicht theoretisch, sondern so, wie wir es am liebsten mögen: spielerisch, körperlich, mit viel Raum zum Ausprobieren.
Status steckt im Körper
Zum Einstieg wurde jede Person vorgestellt: „Das ist Hannah, und das kann sie richtig gut." Hannah spielte genau das. Dann das Gegenteil: „Das kann sie so gar nicht." Aus zwei Sätzen entstanden Figuren, Haltungen und kleine Geschichten, und wir waren im Spiel, bevor jemand darüber nachdenken konnte.
Danach gingen wir durch den Raum, von Status 1 bis Status 10. Hochstatus heißt: Raum nehmen, aufrecht stehen, ruhig bleiben. Tiefstatus heißt: kleiner werden, ausweichen, nach unten gehen. In einer Übung gab es eine heimliche Königin. Wer ihr nahe kam, sank im Status, wer sich entfernte, wuchs wieder. Ohne dass jemand es sagte, war nach kurzer Zeit klar, wer die Königin war.
Dabei zeigte sich: Hochstatus ist nicht gleich Hochstatus. Es gibt den arroganten König, der nur abwinkt, die herrische Figur, die laut wird, und die Königin, deren Status aus Gelassenheit und Würde entsteht. Wie bei Hundebesitzern: Manche stellen Autorität mit viel Lautstärke her. Andere bewegen kaum einen Finger, und der Hund weiß sofort, was gemeint ist. Sehr hoher Status kann erstaunlich leise sein.
Status entsteht zwischen Menschen
In Zweierszenen trafen eine Pastorin auf jemanden bei der Beichte, eine Hundefriseurin auf eine Hundebesitzerin, eine erfahrene Zoowärterin im Schlangengehege auf ihre Auszubildende. Spannend wurde es, sobald sich die Verhältnisse verschoben: wenn die vermeintlich untergeordnete Figur die Kontrolle übernahm oder jemand, der eben noch sicher war, plötzlich etwas brauchte. Status ist im Improtheater keine feste Eigenschaft. Er entsteht in Beziehungen und kann sich von einem Moment auf den nächsten ändern.
Gründe finden statt Positionen ausspielen
Eine Übung begann mit einem vorgegebenen ersten Satz. Wer ihn nicht sofort hinausfeuerte, sondern erst ankam und das Gegenüber wahrnahm, bekam ganz andere Szenen. Zum Beispiel eine Enkelin, die ihrer Großmutter erklärt, sie werde einen bestimmten Mann heiraten, und eine Großmutter, die entschieden Nein sagt. Dann beginnt die eigentliche Arbeit: Warum ist dieses Nein so wichtig? Was weiß die Großmutter, was die Enkelin nicht weiß? Wer nach den Gründen sucht, bekommt Figuren mit Bedürfnissen und Ängsten statt bloßer Standpunkte.
Beat für Beat
Zum Abschluss spielten zwei Personen pantomimisch in der Mitte, zwei weitere sprachen vom Rand für sie. Da wurde Timing zur Hauptsache: nicht fünf Ideen auf einmal, sondern eine Aktion, eine Wahrnehmung, eine Reaktion. Selbst Kleinigkeiten zählten. Wenn der Mund nicht eindeutig aufgeht, wissen die Sprechenden am Rand nicht, wann sie einsetzen sollen. Improvisation ist spontan, aber nicht beliebig. Je klarer wir miteinander kommunizieren, desto freier können wir spielen.
Zuschauen ist erlaubt
Eine neue Teilnehmerin war dabei, und damit ein Grundsatz, der uns wichtig ist: Niemand muss beim ersten Mal auf die Bühne. Erst beobachten, verstehen, was hier passiert. Irgendwann kommt ein kleiner Impuls: jetzt hingehen, jetzt etwas sagen. Dann geht es darum, diesem Impuls zu vertrauen, ohne vorher zu wissen, ob etwas Gutes daraus wird. Dafür sind die Prinzipien da: Wir helfen uns, wir nehmen Angebote an, wir lassen unser Gegenüber gut aussehen.
Was im Raum bleibt
Wir haben auch über Fotos und Videos gesprochen. Wir zeigen gern, wie viel Spielfreude an so einem Abend entsteht. Gleichzeitig braucht Impro einen Raum, in dem niemand performen muss. In dem man mutig, albern und unbeholfen sein darf, ohne sich zu fragen, wie das später auf einem Bildschirm aussieht. Deshalb entscheiden wir mit Augenmaß, was wir aufnehmen und was einfach im Raum bleibt.
Was wir mitnehmen
Wie schnell wir Status an der Körpersprache erkennen. Dass hoher Status nicht laut sein muss, sondern auch ruhig, freundlich und würdevoll sein kann. Dass er sich ständig verändert. Und dass ein Führungsvakuum Freiräume schafft: Wenn die Chefin fehlt, übernehmen andere Verantwortung und stellen gewohnte Abläufe auf den Kopf.
Zum Schluss das Gruppenfoto, stilecht mit Hoch- und Tiefstatus. Danke an Annette für einen intensiven, spielerischen Abend und an alle, die ausprobiert, beobachtet und mitgeschraubt haben. Vielleicht ist genau das eine der schönsten Seiten des Improtheaters: Wir können ausprobieren, wie es sich anfühlt, groß zu sein, klein zu sein und alles dazwischen.